Nur ein McJob-Wunder?Der Arbeitsmarkt in den USAfür die Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft, 2. Semester Verbändekundevon Patrick Bernau 2002-06-101. Erfolge der US-amerikanischen Arbeitsmarktordnung Die Arbeitslosenquote der USA in Folge der Rezession im April den höchsten Wert seit acht Jahren erreicht. Dass der bei 6,0% liegt (Deutschland: 9,7%), zeigt, dass die USA von Arbeitslosigkeit weniger geplagt sind als Deutschland. Im Frühjahr 2000 war die Arbeitslosenquote auf vier Prozent gesunken. Damit hatten die USA praktisch Vollbeschäftigung. Während die Bevölkerung durch Geburten und Einwanderung seit 1980 um 40 Millionen Menschen wuchs, wurden 30 Millionen Arbeitsplätze geschaffen. In der Europäischen Union ist die Zahl der Beschäftigten heute nicht höher als 1980, obwohl die Bevölkerung auch gewachsen ist (in den letzten 10 Jahren um 13 Millionen Menschen). Eine besonders wichtige Rolle spielte dabei die Frauenerwerbsbeteiligung. Die Erwerbstätigenquote unter den Frauen zwischen 25 und 54 Jahren in den USA zwischen 1973 und 1993 von 52,3% auf 74,7% gestiegen ist (Deutschland: 51,1% auf nur 66,8%). Für diese Entwicklung ist nicht nur die zwischen 1993 und 2001 anhaltend starke Konjunktur verantwortlich. Die "Beschäftigungsschwelle" – das benötigte Bruttosozialprodukt-Wachstum, um Arbeitsplätze zu schaffen – beträgt in den USA nur 0,2% (Deutschland: 2,5%). Die Flexibilität führt dazu, dass die USA im Strukturwandel relativ weit sind. 1999 verdienten die Dienstleistungen 80% des Bruttoinlandsprodukts (Industrie: 18% - Landwirtschaft: 2%), in Deutschland waren es nur 68,4% (Industrie: 30,4% - Landwirtschaft: 1,2%) 2. Geschichte des Arbeitsmarkts in den USA Schon die Gründerväter der USA hatten dem Staat nur wenig wirtschaftliche Macht verliehen. Die Bundesregierung erhielt nur die Kompetenzen für Steuer- und Haushaltsangelegenheiten, Geld- und Kreditwesen sowie für die Regulierung des Auslandshandels. Alle übrigen Rechte verblieben bei den Bundesstaaten, die sich aber bis ins 20. Jahrhundert mit Eingriffen zurückhielten. Dies änderte sich erst mit der Wirtschaftskrise 1929. 1933 war fast jeder vierte US-Amerikaner arbeitslos, soziale Abfederung gab es kaum. Präsident Franklin D. Roosevelt führte deshalb 1934/35 im "New Deal" die bundesweite Arbeitslosen- und Rentenversicherung ein. In den 60er Jahren verfolgten die demokratischen Präsidenten Kennedy (1961-63) und Johnson (1963-68) eine antizyklische Konjunkturpolitik. Dabei erreichten die USA aber nie ein Ausmaß des Keynesianismus wie im Europa der 60er Jahre, v.a. in Großbritannien und Frankreich. Die nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik wurde allerdings gemeinsam mit dem Ölpreisschock für die Weltwirtschaftskrise Mitte der 70er Jahre verantwortlich gemacht. Hieraus resultierte die "neokonservative Wende" der 80er Jahre: Präsident Ronald Reagan (1981-89) führte wie auch Margaret Thatcher in Großbritannien wieder eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik ein. Dazu gehörte auch, dass Sozialleistungen abgebaut wurden. Ergebnis dieser Politik war eine – von einer kurzen Rezession 1982/83 abgesehen – recht günstige Konjunktur. In dieser Zeit wuchsen auch die Rüstungsausgaben extrem. Das führte zu hoher Staatsverschuldung. Eine weitere Rezession Anfang der 90er Jahre führte zur Wahl des Demokraten Bill Clinton (1993-2001). Er sanierte den Haushalt, führte ansonsten aber die Wirtschaftspolitik seiner Vorgänger fort. In seiner Amtszeit erlebten die USA eine lange Phase dauerhaften Wachstums. 3. Die Arbeitsmarktordnung Die USA haben eine recht flexible Arbeitsmarktverfassung, durch die die Arbeitsplätze aber eher unsicher sind. So gibt es für Betriebe mit weniger als 100 Mitarbeitern beispielsweise keinen gesetzlichen Kündigungsschutz. Arbeitgeber müssen eine Kündigung nicht begründen ("employment at will"). Dadurch können Arbeitgeber bei schlechter Firmenlage sofort Mitarbeiter entlassen. Allerdings ist die Arbeitsverteilung im Betrieb stark reglementiert. Auf Grund umfassender Rangfolgen der Arbeitsplatzverteilung im Betrieb nach Dauer der Betriebszugehörigkeit kann es im Extremfall passieren, dass ein Arbeitgeber alle Mitarbeiter umsetzen muss, wenn er einen entlässt. Entlassungen sind darum mit Kosten verbunden. Es gehört auch zur amerikanischen Kultur, dass das Unternehmen sie auch wieder einstellt, sobald es ihm besser geht. Die gesetzlichen sozialen Standards am Arbeitsplatz sind auch sonst nicht besonders hoch: Es gibt keine gesetzlich vorgeschriebene Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, nur tarifvertragliche Regelungen, nach denen der Arbeitgeber eine private Versicherung abschließen muss. Der tarifliche Jahresurlaub umfasst nur zwölf Tage. 3.1. Die Rolle der Gewerkschaften Die Bedeutung der Gewerkschaften ist in den USA deutlich geringer als in Europa. Sie erreichten 1996 nur einen Organisationsgrad von 14,5% der Beschäftigten (Deutschland 1997: 33%). Diese vergleichsweise geringe Bedeutung kommt auch dadurch zu Stande, dass Gewerkschaften im Betrieb Anerkennungswahlen bestehen müssen: Die Arbeitnehmer stimmen darüber ab, ob sie eine Gewerkschaftsvertretung wollen oder ob sie eine bestehende abwählen wollen. Neue Mitglieder können Gewerkschaften im wesentlichen nur durch Anerkennungswahlen in den einzelnen Betrieben gewinnen. Das ist eine schwierige Prozedur. Zunächst müssen 30% der Beschäftigten eines Betriebes schriftlich eine Abstimmung verlangen. Danach müssen mehr als die Hälfte der Stimmberechtigten zustimmen. Erst dann ist die Gewerkschaft anerkannt, kann Mitgliedsbeiträge erheben und Tarifverhandlungen mit der jeweiligen Betriebsleitung aufnehmen. – http://www.gewerkschaftsthemen.de/ Zusätzliche Probleme erhalten die Gewerkschaften dadurch, dass in den letzten 20 Jahren vor allem solche Berufe häufiger wurden, deren Beschäftigte den Gewerkschaften eher fern stehen: Leitende Angestellte und die Gruppe "Freie Berufe / Akademiker". So fielen in den 90er Jahren nur rund 20 Prozent der US-amerikanischen Beschäftigten in die Geltungsbereiche von Tarifverträgen, den Arbeitgeber und Gewerkschaften ausgehandelt hatten. Die Wirkung dieser Tarifverträge strahlt aber weiter aus, weil auch gewerkschaftsfreie Unternehmen sich meist an diese Vorgaben halten, um ihre Belegschaft zu halten und Gewerkschaften aus ihrem Unternehmen zu halten. 3.2. Arbeitslosenversicherung Sozialversicherung ist in den USA Sache der Bundesstaaten. Durchweg ist die soziale Absicherung Arbeitsloser aber gering. Arbeitslosengeld wird im Durchschnitt nur 26 Wochen lang gezahlt (Deutschland: 52), eine anschließende Arbeitslosenhilfe gibt es nicht. Weil die Bewilligungskriterien zusätzlich sehr streng sind (z.B. eine Koppelung aus Mindestgehalt und Mindestbeschäftigungsdauer), erhält nur rund ein Drittel der gemeldeten Arbeitslosen ein Arbeitslosengeld von der Hälfte ihres bisherigen Nettoeinkommens (Deutschland: immer 60 bis 67%). Dadurch erhöht sich der Anreiz, schnellstmöglich eine neue Stelle zu suchen. 4. "Welfare to Work" am Beispiel Wisconsin 1996 hat Bill Clinton das amerikanische Wohlfahrtssystem unter dem Motto "Welfare to Work" reformiert. In diesem Prozess ist der Bundesstaat Wisconsin ("Wisconsin Works", W-2) am weitesten fortgeschritten, der Staat, dessen Sozialhilfesystem Roland Koch seit seinem Besuch dort im Sommer 2001 nachahmen möchte. In Wisconsin gibt es für arbeitsfähige Erwachsene keine Sozialhilfe mehr. Stattdessen haben sie Anspruch darauf, dass ihnen ein Arbeitsplatz oder wenigstens eine Qualifizierungsmaßnahme vermittelt wird, die mehr oder weniger gut bezahlt sind. Dies geschieht in vier Stufen:
Für Krankenversicherung und Kinderbetreuung sorgt, falls nötig, der Staat. Leistungen aus diesem Programm gibt es aber für jeden Menschen maximal fünf Jahre im Leben, höchstens zwei Jahre am Stück. Die Prozessteilnehmer werden von Vermittlungsagenturen betreut. Das können Ämter, gemeinnützige Organisationen oder private Unternehmen sein. Erfolgreiche Vermittlungsagenturen erhalten vom Staat mehr Geld. In Zeiten der Rezession zeigen sich die Schwächen dieses Systems: Die zuständige Staatssekretärin von Wisconsin, Jennifer Reichert, wird von der FTD mit den Worten zitiert: "Dass die Hilfsempfänger auf eigenen Beinen stehen, konnten wir nicht erreichen." Jeder vierte Vermittelte stand innerhalb von 18 Monaten wieder beim Staat vor der Türe. Und das neue System ist teuerer als das alte: die Hilfsleistungen sind zwar um 80% gefallen, Betreuung und Fortbildung kosten aber so viel, dass der Sozialetat insgesamt um 20% gestiegen ist. 5. Nebenwirkungen 5.1. Gesamtgesellschaftlich Die soziale Ungleichheit steigt. Zwar fiel der Anteil der Menschen mit einem Einkommen unterhalb der Armutsgrenze von 14,8% im Jahr 1992 auf 11,3% im Jahr 2000. Seit 1992 wachsen aber vor allem die Einkommen im untersten und im obersten Fünftel der Bevölkerung. Die Anzahl der Menschen mit mittlerem Einkommen geht zurück. 5.2. Für Arbeitslose Es gibt mehr Arme mit schwerwiegenden Problemen. Laut der FTD können sich etwa in Wisconsin 33% der ehemaligen Sozialhilfe-Empfänger kein tägliches Essen leisten. 1992 waren das "nur" 18%. 5.3. Für Arbeitende Der Preis für die entstandenen Arbeitsplätze war, dass die realen Lohnzuwächse seit 1980 hinter der Produktivitätssteigerung zurückgeblieben sind. Diese war auch nicht besonders hoch, so dass die Verteilungsspielräume klein waren. Die realen Stundenverdienste sind in den letzten zwei Jahrzehnten unter das Niveau von 1965 gesunken. Der größte Teil der neuen Arbeitsplätze entfiel auf Frauen. So sind viele neue Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor entstanden, noch mehr allerdings in den hochbezahlten Bereichen. Es ergibt sich das Bild, das wir schon von Punkt 6.1 kennen: Die Arbeitsplätze um das Durchschnittseinkommen herum gehen zurück. Der Anteil der Mehrfachbeschäftigten an den Erwerbstätigen hat sich auf knapp über 6% eingependelt. 6. Fazit Nur 38% der Amerikaner finden, dass die Politik Einkommensunterschiede reduzieren muss, gegenüber 65 bis 80% in den verschiedenen Nationen Europas. So haben die Amerikaner ein System erhalten, das zu ihnen passt: Es ist in Teilen durchaus erfolgreich, etwa bei der Arbeitslosigkeit, führt aber dazu, dass die Schere weiter aufgeht. Und es gibt Menschen, die komplett durch die Maschen des sozialen Netzes fallen – und die Maschen wurden immer größer. Präsident George Bush jr. will jetzt die Bezugsdauer des Arbeitslosengelds verlängern. Dass die Löhne darunter leiden, wenn die Arbeit auf mehr Erwerbstätige, v.a. auf Frauen verteilt wird, klingt logisch, wurde doch früher die Hausarbeit quasi vom Mann mitfinanziert. Angesichts einer dadurch steigenden Zahl von Doppelverdienern ist diese Entwicklung aber nicht wirklich dramatisch. Eine Frage, die an anderer Stelle eine genauere Betrachtung lohnen würde, aber hier zu weit führt: Wie hat sich die zunehmende Berufstätigkeit von Frauen auf den Arbeitsmarkt ausgewirkt? Der Arbeitsmarkt der USA hat im Boom seit 1993 mit Sicherheit nicht "nur ein McJob-Wunder" hervorgebracht: Es sind mehr hochqualifizierte und gut bezahlte Jobs entstanden als solche im Niedriglohnsektor – und unsicher waren die Arbeitsplätze schon früher. Quellen
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